Bisher habe ich mich darauf beschränkt, alles auf mich zukommen zu lassen. Mit anderen Worten: Ich habe nicht aktiv nach Vergleichen mit Strindberg gesucht, weil ich gar nicht wusste, wonach ich suchen solle. Man kann sagen, das Unterbewusstsein hat mich bisher geführt und mich auf diese Weise mit Vergleichen mehr oder weniger überschüttet. Es gab früher auch nicht sehr viel in deutscher Sprache über Strindberg.Das hat sich nach und nach geändert. Fast als wäre mein Wunsch mehr zu erfahren, die treibende Kraft.
Doch diesmal ist es anders. Da ich herausgefunden habe, dass sich offenbar alles was einen in einem früheren Leben beschäftigt hat, in irgendeiner Form im neuen Leben "spiegelt", habe ich ganz bewusst zu suchen begonnen. Was heute ja auch viel einfacher ist, als es früher der Fall war. Mir fiel auf, wie geballt mir ein Thema begegnet, welches mich seit meiner Kindheit begleitet. Tattoos!
Mein Großvater hatte auf dem Unterarm einen riesigen Anker tätowiert. Immer wieder zeigte er mir den Anker und meinte: "Lass dich niemals tätowieren. Irgendwann gefällt dir das was du hast nicht mehr und dann kannst du es nicht mehr entfernen!" Diese ewigen Wiederholungen konnte ich nicht ignorieren. Obwohl mir damals dieser Anker eigentlich egal war, brannte sich die Erinnerung daran richtiggehend ein. Ich hatte gar nicht vor, mich tätowieren zu lassen. Wie macht man das überhaupt und warum? Niemand hatte so etwas. Ich kannte jedenfalls niemanden mit Tattoo, abgesehen von ihm.
Als ich älter wurde dachte ich manchmal drüber nach, was dieser Anker denn bedeuten würde. Meines Wissens war mein Opa nie zur See gefahren. Viele Jahre später googelte ich danach und erfuhr: es ist ein religiöses Symbol. Darauf wäre ich nie gekommen.
Tätowierungen waren während meiner Jugendzeit kein Thema. Doch das änderte sich plötzlich. Überall sah man tätowierte Menschen und schließlich ließen sich sogar meine Kinder Tattoos stechen.Als ich vor wenigen Tagen eine Filmvorführung besuchte, traf ich auf viele extrem tätowierte Menschen im Publikum.
Bisher habe ich das alles nicht mit Strindberg in Verbindung gebracht. Aber gestern, am 04.06.2026, kam mir - vermutlich aufgrund der Konfrontation mit den vielen Tätowierten - die Idee, gezielt nach einer Verbindung zu suchen. Diese gibt es tatsächlich.
Ich dachte Tattoos seien eine neue Mode, dabei gab es schon um 1900 herum sehr viele tätowierte Menschen in Europa.
Nun schlug der Zufall wieder zu. Während ich im Internet nach Informationen zu diesem Thema suchte, lief der Fernseher. Mehr als Geräuschkulisse, denn als Unterhaltungsobjekt. Ich hatte gerade erst umgeschaltet, weil es nichts Interessantes zu sehen gab und kam zufällig zu einer Gerichtssendung, bei der erfundene Fälle verhandelt werden. Dabei ging es um Tattoos. In diesem Fall um Kriminelle, die einen Drachen als Erkennungszeichen, bzw. als Zugehörigkeitszeichen, auf der Hand tätowiert hatten.
Was fand ich als erstes bei meiner Internet Suche?
Dieser Artikel nimmt sogar auf den Anker, der mich so sehr beschäftigte, Bezug, wenn auch in anderer Weise.
Der schwedische König hatte ein Tattoo.
Karl XIV. Johann (* 26. Januar 1763 in Pau, Frankreich, als Jean Baptiste Bernadotte; † 8. März 1844 in Stockholm) war zunächst französischer Maréchal d’Empire (durch Napoleon zum prince souverain de Pontecorvo erhoben), dann schwedischer Oberbefehlshaber der alliierten Nordarmee gegen Napoleon, schließlich von 1818 bis 1844 als Karl XIV. Johann König von Schweden und als Karl III. Johann König von Norwegen. Karl XIV. Johann ist der Begründer des schwedischen Königshauses Bernadotte.
Strindberg beschäftigte sich mit den schwedischen Herrschern der Dynastie Bernadotte, die von Karl XIV gegründet wurde. Der König hatte die Worte "Tod dem König" tätowiert. Eine Ironie des Schicksals machte ihn später selbst zum König. Auch einen Totenkopf und sein Geburtsdatum fand man nach seinem Tod auf seinem Körper verewigt. Zu Lebzeiten hatte er sie verborgen.
Um 1900 herum waren Tätowierungen große Mode, aber sie wurden nicht offen gezeigt. Viele Frauen ließen sich tätowieren und entwickelten dadurch ein neues Selbstbewusstsein. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan sprach vom "Einschneiden der Haut als vom „Anderen“.
Prinzessin Waldemar von Dänemark hatte einen Anker auf dem Oberarm. Kaiserin Elisabeth ließ sich einen Anker auf der Schulter stechen.
Strindberg war mit Sicherheit von Menschen umgeben, die Tattoos trugen. Darüber wurde sicher heftig diskutiert, denn das war zu seiner Zeit ein großes Thema. Danach ebbte dieser Trend wieder ab. Jetzt ist er wieder da. Die heute lebende Prinzessin Sofia von Schweden trägt auch eines.
In der heutigen Zeit wurden Tätowierungen ein Modetrend, der nicht mehr nur den oberen Schichten und den Kriminellen vorbehalten ist. Noch vor wenigen Jahren durften Angehörige mancher Berufsgruppen keine Tattoos tragen. Mittlerweile sind auch schon Polizisten oft ganz offen tätowiert, was zuvor undenkbar war.
In Schweden wurden um 1900 Tattoos nicht von der Öffentlichkeit akzeptiert. Man trug sie nur heimlich, um nicht für kriminell gehalten zu werden. Was offenbar auch in Österreich der Fall war, denn Adolf Loos äußerte sich dazu in diesem Sinne. Auch ich hatte immer den Gedanken im Hinterkopf, man würde sich im Gefängnis, oder wenn man zur See fährt, Tattoos stechen lassen. Was mich natürlich sehr irritierte, weil mein Großvater nie in einem Gefängnis und auch nie auf einem Schiff war.
Ich würde mich trotzdem nicht tätowieren lassen. Es stört mich nicht, wenn andere es tun, für mich ist das aber nichts.
Strindberg hat in seinem Leben viele Briefe geschrieben und es sind auch viele dieser Briefe erhalten geblieben. Das ist einer davon.
Du musst dich beeilen, wenn du Schriftsteller werden willst, denn Levertin (Die Konflikte) hat den Atheismus auf großartige Weise gepredigt und die Sinnlichkeit in der Liebe verherrlicht. Die beiden Erzählungen "In der elften Stunde" und "Evoi" sind gewaltig.
Ich werde immer mehr zum Atheisten. Getäuscht von dummen Lügen der Oberschicht, habe ich sie weiterhin geglaubt.
Wie geht es dir? Es ist hier furchtbar. Aber jetzt werde ich mich retten! In einem Monat sollte ich Ergebnisse haben.
Hochachtungsvoll. Grüße an Frau v. H.
Freund
Dieser Brief sagt sehr viel über die Gedanken Strindbergs aus. Er könnte genauso gut von mir sein. Ich würde andere Worte wählen. Das stimmt und das ist auch nicht verwunderlich. Schließlich bin ich nicht mehr Strindberg. Es ist ungefähr so, als wäre Strindberg ein Kind, das erwachsen wurde. Das erwachsene Kind bin ich. Allerdings bin ich vielleicht noch nicht ganz erwachsen. Vor mir liegt noch ein weiter Entwicklungsweg.
Ich glaube die meisten Menschen ändern im Laufe ihres Lebens immer wieder ihre Meinung. Denn leben heißt auch lernen. Man lernt erkennen was man falsch gemacht hat und welche Ideen falsch sind. Dieser stetige Lernprozess wird nie abgeschlossen. Nur Menschen die lernresistent sind, behalten ihr ganzes Leben lang dieselbe Meinung. Sie versteinern innerlich - oder sie tun so als ob, weil sie merken, ihre Meinung kommt bei anderen gut an. Bei denen die gar keine Meinung haben, sondern bloß andere nachäffen.
Strindberg hat seine Meinung immer wieder geändert. Es war ein lebenslanges Ringen um die Wahrheit. Gibt es diesen Gott der Bibel? Gibt es überhaupt einen Gott? Seine Gedanken setzten sich in meinem Gehirn fort. Er torkelte sozusagen vom Glauben zum Unglauben hin und her. Als er starb hielt er die Bibel in der Hand. Ich wachte im neuen Leben zwar nicht mit der Bibel in der Hand auf, was rein technisch ja nicht möglich war, aber ich wurde christlich erzogen. Als kleines Kind war ich sehr fromm. Gleichzeitig spiegelten sich jedoch in meinem Umfeld alle Gedanken Strindbergs in Bezug auf Glaube und Unglaube wider. In Gestalt der Menschen, die mir nahe standen.
Eine erzkatholische Familie der Großmutter, die mir erklärte: "An Gott darf man nicht zweifeln". (Strindbergs Tochter trat zum Katholizismus über, was er mit den Worten: "Wenn schon Christentum, dann katholisch!" goutierte.
Ein kommunistischer Großvater, ehemaliger "Bibelfoscher", der als einziger in der Familie die Bibel wirklich gelesen hatte.
Ein areligiöser Onkel, der schon als Kind nicht an die biblischen Geschichten geglaubt hatte.
Eine feste Meinung hatte ich nie. Kurze Zeit ließ ich mich ein klein wenig von anderen Menschen beeinflussen, aber mein Drang, selbst zu denken war stärker. Offenbar hatte Strindberg etwas gelernt, was er in mir auslebte, weil er es zu seiner Zeit nicht konnte. Sein immer wieder auftretendes Gejammer, andere hätten ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und deshalb habe er dieses und jenes geglaubt, habe ich endlich überwunden. Wer anderen einfach so glaubt, ist entweder dumm, oder schwach. Wer über genügend Verstand verfügt, hat die Fähigkeit, selbst die Wahrheit zu finden. Dazu muss man sie eben suchen und sie dann aber auch akzeptieren wenn man sie gefunden hat.
Wie auch ich, war Strindberg auf der Suche nach der Wahrheit. Aber er war unsicher und schwach. Wer Angst davor hat, falsch zu liegen, schiebt alles auf andere. Ich bin bereits stark genug um auch mit eigenen Irrtümern umzugehen. Vielleicht weil ich diesmal eine Frau bin? Es liegt vielleicht nicht am Geschlecht an sich. Doch es hat etwas damit vielleicht zu tun. Männer glauben sie müssten immer besser als die anderen sein. Deshalb geben sie sich gerne unfehlbar. Niemand ist unfehlbar. Wer so erscheinen will, muss die Fehler anderen zuschreiben und nicht sich selbst. Frauen haben es da etwas besser. Die Gesellschaft erwartet von Frauen in dieser Hinsicht meistens weniger. Frauen werden milder beurteilt, weil man weniger von ihnen hält. Der Nachteil dabei ist: Was eine Frau denkt, wird gerne belächelt, statt ernst genommen zu werden.
Wer sich mit Religionen befasst wird feststellen, dass alle Religionen von Menschen gemacht wurden. Früher hatte man nicht die Möglichkeiten die jetzt zur Verfügung stehen und so wurde eben geglaubt, oder auch nicht, was einem andere erzählt haben. Als Nostradamus lebte, glaubten sogar noch Wissenschaftler, die Bibel sei so etwas wie ein Buch das alles Wissen enthält. Sie haben darüber gestritten, wer die biblischen Angaben richtig berechnet, weil sie dachten, sie könnten so ausrechnen, wie lange die Erde noch bestehen würde. Heute passiert ähnliches mit dem Koran. Selbst Leute die es eigentlich besser wissen sollten glauben, der Koran sei ein Geschichtsbuch und kein Geschichtenbuch. Das glaubte man auch über die Bibel und viele Christen glauben das noch immer, obwohl schon lange das Gegenteil bewiesen wurde. Wer begreift, dass diese alten texte ganz andere Ursprünge haben als angenommen, wird nicht nur zu zweifeln beginnen. Ihm oder ihr wird klar werden, dass Religionen vor allem Unsinn verzapfen. Die fanatischen Gläubigen versuchen auch heute noch, echtes Wissen über Religionen zu unterdrücken. Das sieht man sogar im Internet bei der Reihung von Google. Religionskritische Texte sind sehr schwer zu finden, wenn man nicht schon Autoren und diverse Bücher kennt. Wer seinen Glauben verliert, reagiert enttäuscht und wirft deshalb auch den Glauben an eine höhere Macht weg. Egal ob zurecht, oder zu unrecht. Es ist schwer sich einzugestehen, nichts zu wissen.
Strindberg konnte sich von der Religion nicht befreien. Ich habe sozusagen das was er begonnen hat, weiter geführt und mehr oder weniger abgeschlossen.